evolution:m – „Es gilt Begehrlichkeiten zu wecken“ – Experten diskutieren über die Zukunft der Mobilität

Internationaler Kongress für Mobilität feierte in Bregenz Premiere – Bringt die Elektromobilität den erwarteten Systemwechsel?

Bregenz, 14. Mai 2013 – Klimaschutz, knappe Ressourcen und zunehmende Verkehrsdichte stellen uns vor große Herausforderungen – weitere intelligente Lösungen sind notwendig, welche auch neue Chancen für die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bieten. Wie wird unsere Mobilität in Zukunft aussehen? Sind wir bereit, unser Nutzerverhalten zu ändern, wenn das Angebot stimmt? Und woher kommen die für die Mobilität benötigte Energie und Rohstoffe? Diese Kernfragen und weitere Zukunftsthemen wurden von renommierten Experten bei der Premiere von evolution:m in Bregenz vor einem internationalen Publikum aus Österreich, Deutschland, Schweiz und Liechtenstein mit rund 170 Teilnehmern im Festspielhaus Bregenz diskutiert.

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Eröffnung und Begrüßung des Zukunftskongress evolutiom:m durch die Schirmherren Land Vorarlberg und illwerke vkw.vlnr: Prof. Dr. Stefan Bratzel, Leiter Center of Automotive – Institut für empirische Automobil- und Mobilitätsforschung  an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) Bergisch Gladbach; Vorstandsmitglied Direktor Dr. Christof Germann, illwerke vkw; Landesstatthalter Mag. Karlheinz Rüdisser, Land Vorarlberg; Alexander Mankowsky, Zukunftsforscher und Trendstratege der Daimler AG.

„Ökologie, Energie und Nachhaltigkeit sind Themen, die uns alle betreffen“, betonen die Schirmherren  Landesstatthalter Mag. Karlheinz Rüdisser (Land Vorarlberg) und Vorstandsmitglied Direktor Dr. Christof Germann (illwerke vkw) bei der Eröffnung des Zukunftskongresses. Für den Landesstatthalter heiße die zentrale Herausforderung „weg von den fossilen Brennstoffen“, alle – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – seien gefordert, aus Rücksicht auf die Umwelt alternative Mobilitätsformen zu fördern und unterstützen. Dabei werde das Thema Elektromobilität einen immer größeren Stellenwert einnehmen. Mit dem Pilotprojekt VLOTTE des Energiedienstleisters illwerke vkw zählt Vorarlberg bereits heute zu Europas größten Modellregionen für Elektromobilität. Für Germann steht eine möglichst energieeffiziente und emissionsfreundliche Mobilität im Vordergrund: „Wären zehn Prozent der Fahrzeuge in Vorarlberg elektrisch angetrieben, würde der Stromverbrauch um zwei Prozent steigen.“

Die Mobilität verändert sich und die entscheidende Phase für Elektromobilität hat längst begonnen. Das hat auch Folgen: „Die Automobilhersteller befinden sich in einem technologischen Paradigmenwechsel. Noch nie haben sich die Strategien in so kurzer Zeit geändert. Dies erfordert enorme Innovationsanstrengungen, denen nicht jeder Akteur gewachsen ist“, sagt Stefan Bratzel, einer der führenden Mobilitätsexperten im deutschsprachigen Raum und Keynote-Sprecher der evolution:m.

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Kongress über die Zukunft der Mobilität feierte in Bregenz Premiere mit rund 170 Teilnehmern im Festspielhaus Bregenz.

Handy & Internet statt Auto
Reine Elektrofahrzeuge werden für Bratzel in den nächsten zehn Jahren jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielen. Hybridantriebe, insbesondere Plug-in Hybride, sollen zunächst als Übergangstechnologie an Bedeutung gewinnen. Der Wandel der Gesellschaft beim Thema Mobilität zeige sich besonders im Vergleich zwischen der älteren und jüngeren Generation vom Statussymbol zum reinen Funktionsgut. So stehe bei den 18- bis 25-Jährigen ein eigenes Auto in starker Konkurrenz zur eigenen Wohnung und zur Altersvorsorge. Sie würden lieber einen Monat auf das Auto anstatt auf Handy und Internet verzichten. Interessant sei auch, dass Investitionen der Automobilhersteller in den Antrieb größtenteils noch im konventionellen Bereich liegen, dafür sind diese stärker verbrauchs- und emissionsorientiert.

Postfossile Gesellschaft
Beim Zukunftskongress Mobilität wurde der Fokus nicht nur auf technische Gesichtspunkte gesetzt. Im Fokus stand insbesondere die „historische Chance“ eines Technikwechsels hin zu alternativen Antrieben – und somit auch der Weg für ein verändertes Nutzerverhalten. Denn bereits heute werden immer mehr verschiedene Mobilitätsformen gemischt genutzt. Neben dem privaten Pkw sind dies der öffentliche Personennahverkehr in Kombination mit Carsharing-Modellen, Elektro-Autos oder E-Bikes (Pedelecs). Dieser Trend erfordert aber auch neue Lösungen und eine intelligente Vernetzung der Systeme, ob technischer, organisatorischer oder politischer Natur. „Wer eine postfossile Gesellschaft einrichten will, muss auch schauen, wollen die Menschen überhaupt so leben? Alternative Mobilitätskonzepte müssen Teil einer ganzen Systemlösung sein, damit diese funktionieren. Dazu müssen wir aber auch viele unterschiedliche Optionen entwickeln und anbieten, welche die Bedürfnisse der Menschen treffen“, so Alexander Mankowsky, Zukunftsforscher und Trendstratege der Daimler AG.

Begehrlichkeiten wecken
Und welche intelligenten Vernetzungen sind notwendig, um Umwelt- und Verkehrsprobleme zu reduzieren? „Das Auto ist nicht das einzige Mittel für Mobilität“, sagt auch Frank Rinderknecht, Gründer und CEO der Rinspeed AG, bekannt für seine spektakulären Autovisionen. Mit seinem aktuellen Projekt microMAX will der Schweizer den Kurzstreckenverkehr durch moderne Mitfahrzentralen revolutionieren und im Individualverkehr private und öffentliche Nutzung zusammenführen. Rinderknecht: „Auf der rationellen Ebene kann man nicht gewinnen, ein Umdenken lässt sich weder durch Zwang oder Gesetze herbeiführen. Beim Thema Elektromobilität bleiben im Kopf der Menschen die Themen  Reichweite und Lademöglichkeit, auch wenn das Auto gerade komplett geladen ist und nur eine kurze Strecke gefahren wird. Autofahren, das sind zwei Drittel Emotion und nur ein Drittel Transportleistung. Die emotionale Aufladung  von technischen Dingen ist wichtig, damit diese auf lange Sicht nicht verlieren. Gerade beim Thema alternative Mobilität gilt es Begehrlichkeiten zu wecken.“

Autos sind „Stehzeuge“
Mit Spannung verfolgten die Teilnehmer der evolution:m auch die Keynote von Gernot Spiegelberg, Leiter Elektromobilität bei Siemens. Für den Mobilitätsexperten sind Fahrzeuge statistisch gesehen eigentlich „Stehzeuge“. „Während 90 Prozent ihrer Lebenszeit parken diese ungenutzt zu Hause oder am Arbeitsplatz und werden  höchstens ein bis zwei Stunden am Tag genutzt. Da die meisten Fahrten viel kürzer als die mögliche Reichweite von Elektromobilen sind, könnten so zig Millionen Kilowattstunden nach Bedarf gespeichert und ins Netz zurückgespeist werden“, so Spiegelbergs Vision.

Die Experten des Zukunftskongress evolution:m sind sich einig: Wenn die Elektromobilität einen Paradigmenwechsel herbeiführen oder fördern soll, braucht es neue Gesamtkonzepte für Mobilität, im Hinblick auf Angebote und Anreizsysteme, aber auch technischer Natur. Und dies verlangt einen interdisziplinären Zugang aller Entscheidungsträger aus Automobilindustrie, öffentlichem Verkehr, Energiewirtschaft, Infrastruktur- und Systemdienstleistung, Verkehrsplanung und Politik sowie der Kommunikationsbranche.

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